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IRAN: Das friedliche, verborgene Dorfleben, über das niemand spricht

Dorf im Iran
Geschrieben von Jürgen T Steinmetz

Der Iran-Krieg zählt derzeit zu den geopolitischen Brennpunkten mit dem größten Risiko und birgt die Gefahr, sich zu einem umfassenderen Krieg auszuweiten, der Europa direkt betrifft. Abseits der Schlagzeilen geht das Leben in den entlegenen Dörfern des Iran jedoch seinen gewohnten Gang – ruhig, beständig und unverändert –, wo der Alltag trotz globaler Spannungen und wachsender Gefahren jenseits der Berge fortbesteht.

Abseits der Schlagzeilen, fernab der Städte und der Hektik des modernen Lebens, besteht ein anderes Iran fort in Stein, Rauch, Berglicht und der stillen Arbeit des Alltags.

Es gibt einen Iran, über den die Welt nur selten verweilt.

Nicht etwa, weil es verborgen wäre, sondern weil es nicht dem Tempo der modernen Aufmerksamkeit entspricht. Es kommt nicht als Alarm. Es bricht nicht dringlich in den Tag ein. Es spricht nicht die Sprache der Eskalation, der Strategie, der Krise oder des Spektakels. Es existiert stattdessen in langen Morgenstunden, auf steilen Pfaden, in Kupferkesseln, in handgeflickten Mauern, in Dächern, die gleichzeitig als Straßen dienen, in in den Fels gehauenen Kammern und in Mahlzeiten, die auf denselben Herden zubereitet werden, die schon vor Jahrhunderten Familien wärmten.

Das ist der Iran hinter den Schlagzeilen.

Das Iran von Kandovan, wo Familien noch immer in ausgehöhlten Vulkankegeln leben. Das Iran von Masuleh, wo das Dach des einen Hauses die Straße des anderen ist. Das Iran von Uraman Takht, wo Kalksteinhäuser wie Terrassen aus dem Berg emporragen. Das Iran von Abyaneh, wo eisenrote Mauern mit jedem Sturm härter werden. Das Iran von Meymand, wo in handgehauenen Höhlenkammern noch immer Winterfeuer brennen. Das Iran von Makhunik, tief in die Erde gebaut, als wolle es mit ihr verschmelzen. Das Iran von Palangan, wo Forellenbäche durch eine Schluchtsiedlung fließen und sich der Abendrauch langsam in der Talluft ausbreitet.

Es ist ein Iran von erstaunlicher Kontinuität.

Und genau das macht es so berührend. Nicht nur, dass es schön ist, obwohl es das ist. Nicht nur, dass es uralt ist, obwohl es das ist. Sondern dass es noch immer bewohnt ist. Noch immer berührt wird. Noch immer gewärmt wird. Noch immer repariert wird. Noch immer gekocht wird. Noch immer begangen wird. Noch immer weitergegeben wird.

Trotz all des Lärms, der in der globalen Vorstellungswelt um den Iran herrscht, gibt es hier einen anderen Lebensrhythmus: ruhig, widerstandsfähig und älter als fast alles, worüber die moderne Welt zu sprechen weiß.

Die Entfernung zwischen einer Schlagzeile und einem Zuhause

Auf einer Landkarte kann sich Krieg nah anfühlen, in der Küche aber unerreichbar fern.

Das mag eine der tiefsten Wahrheiten sein, die diese Dörfer durchdringen. Fernab von Hauptstädten, fernab von Militärsprache, fernab der Hektik moderner Medien wird das Leben noch immer von uralten Notwendigkeiten bestimmt. Das Brot muss gebacken werden. Die Tiere müssen gefüttert werden. Das Quellwasser muss herbeigeschafft werden. Das Feuer muss angezündet werden, bevor die Kälte kommt. Obst muss für den Winter getrocknet werden. Die Suppe muss lange genug köcheln, um den Stein zu erwärmen. Die Kinder müssen vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause gerufen werden.

An Orten wie diesen mag der Konflikt irgendwo jenseits der Bergkette, jenseits des Fernsehbildschirms, jenseits der nächsten Stadt, jenseits des politischen Horizonts existieren. Er mag real sein. Er mag von Bedeutung sein. Aber er hat die alltäglichen Lebensstrukturen noch nicht verdrängt.

Und das alltägliche Leben ist mächtig.

Genau das versteht der Dokumentarfilm so gut. Er beginnt mit einer Herausforderung unserer Wahrnehmung: Was aus der Ferne wie ein karger Erdhügel aussieht, entpuppt sich als bewohnt, warm, gemütlich, lebendig. „Aber nein, das ist Iran“, sagt der Sprecher und lenkt den Blick von Leere auf Präsenz. In diesen Steintürmen kochen die Menschen „auch heute noch das Abendessen“, genau wie seit Jahrtausenden.

Dieser Satz enthält die gesamte emotionale Logik des Films.

Keine Verleugnung. Keine romantische Flucht. Anerkennung.

Die Erkenntnis, dass das Leben dort weitergehen kann, wo die Welt zu Symbolen verkommen ist. Die Erkenntnis, dass Geschichte nicht nur die Geschichte von Staaten und Konflikten ist, sondern auch die von Herden, Schwellen, Mauern, Wegen, Rezepten und wiederkehrenden Gesten. Die Erkenntnis, dass für viele Menschen die zentralen Aspekte des Daseins hartnäckig lokal verankert bleiben: Wetter, Wasser, Nahrung, Familie, Stein, Feuer.

Eine Stimme, die sich wie eine Kamera bewegt, und eine Kamera, die sich wie eine Erinnerung bewegt

Was macht IRAN: Das verborgene Dorfleben, über das niemand spricht So wirkungsvoll ist nicht nur das, was es zeigt, sondern auch die Art und Weise, wie es spricht.

Die Erzählung ist geduldig, beschreibend und atmosphärisch dicht. Sie hetzt den Zuschauer nicht von einer Tatsache zur nächsten, sondern verweilt. Sie schichtet Details übereinander. Sie nutzt konkrete Details, um emotionale Wahrheit zu erzeugen: fast zwei Meter dicke Mauern, geschwärzte Decken, enge Gänge, niedrige Türen, Mineralquellen, Feuer aus Walnussholz, trocknendes Obst, handgemachte Nudeln, Steinsimse, Kupfergefäße. Der Ton ist literarisch, aber nicht aufgesetzt. Er ist aufmerksam, nicht aufdringlich. Er lässt Geologie und Alltagsleben im selben Satz miteinander verschmelzen.

Immer wieder verwischt das Drehbuch die Grenzen zwischen Architektur und Alltag. Ein Zuhause ist niemals bloß ein Gebäude; es ist eine Choreografie überlieferter Bewegungsabläufe. Eine Wand ist nicht einfach nur eine Wand; sie ist ein Zeugnis von Klima, Anpassung, Arbeit und Zeit. Eine Küche ist nicht nur ein Ort der Essenszubereitung; sie ist der Ort, an dem Sprache, Erinnerung und Gewohnheit von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Die Wirkung ist zugleich intim und umfassend.

Dies ist dokumentarisches Erzählen als langsame Enthüllung. Es schreibt dem Zuschauer nicht vor, was er denken soll, sondern lenkt seinen Blick. Auf Ruß nicht als Schmutz, sondern als Archiv. Auf ein Dach nicht als Dach, sondern als gemeinsamen öffentlichen Raum. Auf eine Türöffnung nicht bloß als Eingang, sondern als Verbindung zwischen Klima und Brauchtum. Auf Stein nicht als passive Kulisse, sondern als Mitwirkender im menschlichen Überleben.

Dieser Stil ist zentral für den Kern der Geschichte. Der Film verzichtet auf Spektakel, um Ausdauer sichtbar zu machen.

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IRAN: Das friedliche, verborgene Dorfleben, über das niemand spricht

Kandovan: Abendessen im Stein

Kandovan ist vielleicht das Bild, das den Menschen am längsten im Gedächtnis bleibt.

Aus der Ferne wirkt das Dorf fast unmöglich: kegelförmige Felsformationen, die wie verwitterte Türme aus einem Tal emporragen. Doch im Inneren dieser Formationen spielt sich das häusliche Leben in außergewöhnlicher Ruhe ab. Familien leben in vulkanischen Kegeln, die im Laufe der Zeit von Lava, Asche, Wind und Regen geformt wurden. Ganze Häuser sind von fast zwei Meter dicken Mauern umgeben. Feuerstellen sind direkt in die Steinböden gehauen. Schmale Gänge verbinden die Räume. Rauch steigt aus Öffnungen an der Spitze auf, wenn morgens das Feuer entzündet wird.

Der Film verweilt bei den Details, die den Ort von einem Wunder in ein Zuhause verwandeln.

Kinder gehen zwischen den Kammern umher. Ältere Bewohner sitzen an den geschnitzten Türrahmen und beobachten, wie sich das Licht am gegenüberliegenden Hang verändert. Tee wird auf Kohleglut in Kupfergefäßen zubereitet, die wie aus der Höhle selbst stammen. Der Erzähler beschreibt die von jahrzehntelangem Ruß verdunkelten Decken nicht als Zeichen von Vernachlässigung, sondern als „gesammelte Aufzeichnungen“ der dort zubereiteten Mahlzeiten, ein häusliches Archiv, geschrieben in Rauch.

Dieser Satz gehört zu den besten des Dokumentarfilms, weil er dessen Weltsicht offenbart. Nichts wird hier als primitiv im abwertenden Sinne dargestellt. Nichts wird auf das Altmodische reduziert. Alles wird durch Kontinuität, Anpassung und Intelligenz interpretiert.

Und das ist auch ein zentraler Punkt des Artikels: Abseits der Annahmen des modernen Blicks verkörpern diese Dörfer keine Rückständigkeit. Sie zeugen vielmehr von tiefem Wissen darüber, wie man über einen sehr langen Zeitraum an einem Ort lebt.

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IRAN: Das friedliche, verborgene Dorfleben, über das niemand spricht

Masuleh: Wo Dächer zu Straßen werden

In Masuleh bestimmt der Berg alles.

Der Hang ist so steil, dass herkömmliche städtebauliche Prinzipien außer Kraft gesetzt werden. Die Häuser sind terrassenförmig angeordnet, sodass jedes Dach die Gehfläche für die darüberliegende Ebene bildet. So entsteht Architektur als gemeinsam genutzter Raum. Straßen und Dächer verschmelzen. Wer sich im Dorf bewegt, muss auch die Wohnflächen anderer Bewohner betreten. Privatsphäre und Gemeinschaft sind hier keine Gegensätze, sondern durch die Gestaltung miteinander verwoben.

Der Film fängt dies wunderschön ein.

Ein Kind rennt über das Dach des Nachbarn, als wäre es ein Spielplatz – und im Grunde ist es das auch. Eine Frau hängt Wäsche neben dem Schornstein des Hauses der Familie darunter auf. Männer unterhalten sich über die gemeinsamen Mauern hinweg. Nebel zieht durch die unteren Gassen. Der Duft von Suppe aus Kräutern, Linsen, Spinat und handgemachten Nudeln steigt in der kalten Luft auf.

Es gibt eine Zeile im Film, die besagt, dass der Berg das tägliche Leben hier nicht unterbricht. Er ordnet es.

Das ist absolut richtig. Und es trifft auch in vielerlei anderer Hinsicht zu, nicht nur in Bezug auf Architektur. Die Siedlung vermittelt eine Weltanschauung. Man ebnet den Hang nicht ein. Man lernt, sich mit seinen Konturen zu identifizieren. Man verlangt nicht, dass das Land leichter zugänglich wird. Man gestaltet ein Leben, das anerkennt, was das Land ermöglicht.

Palangan: ein Dorf, das zwischen Canyonwänden liegt

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IRAN: Das friedliche, verborgene Dorfleben, über das niemand spricht

Palangan wohnt auf zwei gegenüberliegenden Felswänden, unterhalb fließt ein Fluss, und Mineralquellen speisen Kanäle, die sich durch die Siedlung schlängeln.

Schon in der Zusammenfassung klingt es unwahrscheinlich. Auf der Leinwand wirkt es fast mythisch. Doch der Dokumentarfilm verankert es im Alltag. Frauen steigen hinab, um Quellwasser zu holen und machen unterwegs Halt bei anderen Häusern. Männer kehren mit Forellen aus den kalten Wasserläufen zurück. Der Fisch wird auf Terrassen über Walnussholz gegrillt, wo sich die Familien im Freien versammeln. Der Duft von Holzrauch und Flussfisch zieht durch die Schlucht, noch bevor das Essen beginnt.

Und dann ist da noch der Klang.

Der Tee wird am Ufer getrunken, wo man sich nah ans Wasser beugen muss, um gegen die Strömung anzukommen. Kurdische Gesänge dringen hinaus, prallen gegen die gegenüberliegende Canyonwand und kehren, vom Berg verändert, zurück. Es ist eine der schönsten Beobachtungen des Films: Eine Stimme gehört kurz der Landschaft, bevor sie wieder demjenigen gehört, der sie zuerst gesungen hat.

In solchen Szenen verwandelt der Dokumentarfilm Geografie in Atmosphäre und Atmosphäre in Gefühl. Er lässt den Zuschauer verstehen, dass das Leben in der Abgeschiedenheit kein leeres Leben ist. Es ist reich an Klängen, Texturen und sozialen Begegnungen, die die moderne Stadt weitgehend verlernt hat wahrzunehmen.

Uraman Takht: Gemeinsame Hitze, gemeinsame Arbeit

Der Uraman Takht erhebt sich wie ein gemeißelter Thron aus dem Zagrosgebirge.

Die Häuser sind terrassenförmig aus trocken gestapeltem Kalkstein errichtet und mit Walnussholzbalken verankert. Sie sind so konstruiert, dass sie sich leicht mit dem Erdreich bewegen, anstatt ihm starr zu widerstehen. Allein dies zeugt von Demut vor dem Gelände. Doch der Film konzentriert sich weniger auf die Ingenieurskunst als Abstraktion, sondern vielmehr darauf, wie Architektur Gemeinschaften prägt.

Steinwege verbinden die einzelnen Häuser. Brennholz wird von Hand getragen. Offene Terrassen werden zu Treffpunkten, Orten zum Kochen und für Zeremonien. Während des Winterfestes von Pir Shaliyar werden riesige Tontöpfe mit Lammfleisch und wilden Walnüssen gemeinschaftlich langsam gegart, wobei jede Familie Arbeitskraft statt Zutaten beisteuert. Das Gericht gehört keiner einzelnen Familie, denn die Arbeit war die gemeinsame Leistung aller.

Das ist eine tiefgreifende soziale Idee, die im materiellen Leben verankert ist.

Nicht bloßes Teilen, sondern gemeinsames Schaffen. Nicht Wohltätigkeit, sondern gegenseitige Strukturierung. Ein Dorf, entstanden durch Arbeit, Wärme, Klang und Pflicht. Das sind Formen des Überflusses, die das moderne Leben oft fälschlicherweise für Unannehmlichkeiten hält.

Abyaneh: das rote Dorf, wo der Regen die Mauern stärkt

Abyaneh wirkt auf den ersten Blick fast wie in den Berghang gemalt.

Seine Farbe verdankt es dem Eisenoxid im lokalen Lehm und Gestein, das so konzentriert ist, dass das Dorf aus bestimmten Blickwinkeln optisch untrennbar mit der darunterliegenden Erde verschmilzt. Doch das Bemerkenswerte ist nicht nur sein Aussehen, sondern auch sein Verhalten. Regen härtet die Mauern, anstatt sie zu erodieren. Jeder Sturm stärkt das Dorf.

Es ist schwer, darin keine Metapher zu hören.

Im Inneren lebt die Tradition in Details fort, die so spezifisch sind, dass sie nicht der Nostalgie entsprungen sein könnten. Frauen tragen im Alltag weiße Kopftücher mit Blumenmuster und mehrlagige Röcke, nicht nur zu Festen. Holztüren haben noch immer separate Türklopfer, die für männliche und weibliche Besucher unterschiedliche Töne erzeugen. Im Sommer werden die Dächer zu Trockenfeldern für Aprikosen, Weintrauben, Feigen und Granatapfelkerne, die die Haushalte über den Winter versorgen.

Der Dokumentarfilm ist besonders gelungen in seinen Darstellungen dieser kleinen Gesten. Er versteht, dass Kultur nicht nur in Zeremonien bewahrt wird. Sie lebt im Alltag, beispielsweise an Dienstagmorgen. In der Kleidung, die man zum Markt trägt. In der Art, wie man Zucker zum Tee trinkt. In der schlichten Schönheit von Früchten, die hoch über einer Bergstraße in der Sonne trocknen.

Meymand und Makhunik: Leben in der Nähe der Erde

In Meymand werden die in Sandstein gehauenen Kammern noch immer saisonal bewohnt, nicht als Museumsstücke, sondern als angestammte Wohnstätten. Decken liegen gefaltet auf Steinvorsprüngen. Töpfe stehen in alten Feuerstellen. Kinder malen an die Höhlenwände. Im Winter kehren die Familien zurück und bewegen sich mit überlieferter Vertrautheit durch die gehauenen Räume: diese Nische für Getreide, dieser Einschnitt für Belüftung, diese Wand zum Wärmen.

Der Film ist klug genug, die Höhlen nicht zu exotisieren. Er zeigt sie als gelebte Intelligenz.

In Makhunik nimmt diese Intelligenz eine andere Form an. Hier sind die Häuser teilweise unterirdisch gebaut, mit winzigen Türen, die jeden zum Eintreten zwingen. Der praktische Grund ist Wärmeregulierung und Verteidigung; die emotionale Wirkung ist Demut. Die Architektur fordert den Körper auf, die Schwelle zu respektieren. Im Inneren bestimmt die zentrale Feuerstelle die gesamte Anordnung. Der Raum ist zu klein für Distanz. Die Familie versammelt sich in Armlänge, weil die Geometrie keine andere Möglichkeit lässt.

Der Dokumentarfilm beschreibt die Esskultur von Makhunik als extremen Ausdruck von Selbstversorgung, ein System, das darauf ausgelegt ist, so wenig wie möglich von außerhalb des Tals zu benötigen. Doch er stellt dies nicht als Verzicht dar, sondern als eine ästhetisch ansprechende Philosophie der Genügsamkeit.

Dieser Unterschied ist wichtig.

Was diese Dörfer wissen, was die moderne Welt vergisst

In allen sieben Siedlungen zeigt sich dieselbe Lektion in unterschiedlichen Formen.

Keine dieser Gemeinschaften versuchte, das Land zu beherrschen. Sie ebneten nicht Unwegsames ein, verlegten keine unbequemen Wege und errichteten kein starres Straßennetz, wo die Erde es nicht zuließ. Sie lernten das Verhalten der lokalen Materialien kennen. Sie beobachteten Wind, Sonne, Regen, Hangneigung, Temperatur und seismische Aktivitäten. Sie bauten nicht, um sich optisch zu präsentieren, sondern um langfristig zu überleben.

Das vulkanische Gestein von Kandovan isoliert. Der eisenhaltige Lehm von Abyaneh härtet durch Regen aus. Der Kalkstein von Uraman dämpft Bewegungen durch seine Klüfte. Die rußgeschwärzten Höhlendecken von Meymand tragen zur Stabilisierung und Regulierung des Innenraums bei. Der Hang von Masuleh wird nicht zum Hindernis, sondern zum ordnenden Prinzip der gesamten Siedlung.

Das ist kein zufälliger Einfallsreichtum. Es ist das Gedächtnis der Zivilisation.

Das ist das Ergebnis, wenn ein Volk lange genug an einem Ort verweilt, um nicht nur zu lernen, wie man ausharrt, sondern auch, wie man Ausharren mit Anmut verbindet.

Es gibt noch eine weitere Lehre: Gegenseitige Abhängigkeit ist in diesen Dörfern kein bloßes moralisches Accessoire. Sie ist die Grundlage des Überlebens. Dächer dienen als gemeinsame Wege. Wände leiten Wärme zwischen den Häusern ab. Wasserwege führen die Menschen aneinander vorbei. Die Arbeit ist verteilt, weil kein einzelner Haushalt unter diesen Bedingungen alles allein bewältigen kann.

Im modernen Leben wird Widerstandsfähigkeit oft mit Unabhängigkeit gleichgesetzt. Diese Dörfer deuten auf das Gegenteil hin. Es ist das verbundene Ganze, das überlebt.

Die Welt besteht nicht nur aus dem, was in den Nachrichten vorkommt.

Das mag der Grund sein, warum dieser Dokumentarfilm bei den Zuschauern so großen Anklang gefunden hat. Er bietet Erleichterung, ja, aber keine Flucht aus der Realität. Er bietet etwas Tieferes.

Es stellt die Proportionen wieder her.

Es erinnert den Betrachter daran, dass eine Nation die am häufigsten erzählte Geschichte über sich nie vollständig auserzählt hat. Dass es unter der Sprache von Politik und Konflikt immer noch Orte gibt, die von der Zeit im Familienleben, von überliefertem Handwerk, von alten ökologischen Vereinbarungen, von Ernährungssystemen, vom Wetter, von Verwandtschaft und von Mauern geprägt sind, die Jahrhunderte überdauert haben.

Es erinnert uns auch daran, dass „weit weg“ nicht nur eine Frage der Kilometerzahl ist.

Der Krieg kann weit weg sein, weil die nächste Sorge das abendliche Kaminfeuer ist.
Weil die Straße lang und das Signal schwach ist.
Denn der Berg strukturiert den Tag kraftvoller als der Staat.
Denn was vor Sonnenuntergang getan werden muss, ist wichtiger als das, was Analysten mittags gesagt haben.
Denn eine Familie muss immer noch Früchte auf dem Dach trocknen, Wasser von der Quelle holen, die Suppe umrühren, die Mauer ausbessern, die Gläser spülen und die Kinder hereinholen.

Das ist keine Ignoranz. Es ist eine Frage des Maßstabs.

Und der Maßstab verändert alles.

Aus der Perspektive globaler Systeme mögen diese Dörfer peripher erscheinen. Aus der Perspektive des Lebens selbst sind sie jedoch zentral. Sie bewahren Wissen über Klima, Materialien, Gemeinschaft und menschliche Anpassung, das der Rest der Welt in vielerlei Hinsicht erst jetzt wiederzuentdecken beginnt.

Eine herzerwärmende Wahrheit, in Stein gemeißelt

Was nach dem Filmende bleibt, ist nicht nur visuelle Bewunderung. Es ist Dankbarkeit.

Ich bin dankbar, dass es solche Orte noch gibt.
Dankbarkeit darüber, dass sich jemand die Zeit genommen hat, sie sorgfältig anzusehen.
Dankbarkeit dafür, dass unter all den vereinheitlichenden Narrativen ein anderes Iran für jeden sichtbar bleibt, der bereit ist, mehr als nur eine Schlagzeile zu sehen.

Ein Iran der Bergküchen und steinernen Schwellen.
Von Canyon-Liedern und Walnussrauch.
Von Früchten, die auf Dächern trocknen.
Von Kindern, die dort spielen, wo Dächer zu Straßen werden.
Von Höhlenkammern, die noch warm sind von den Winterfeuern.
Von Mauern, die im Regen nicht zerbröckeln, sondern sich im Gegenteil festigen.
Von Leuten, die auch heute Abend noch im Felsen das Abendessen zubereiten.

In diesem Bild liegt etwas zutiefst Herzerwärmendes und vielleicht auch zutiefst Notwendiges.

Weil die moderne Welt so sehr mit Brüchen vertraut geworden ist, dass Kontinuität fast wie ein Wunder erscheinen kann.

Und doch ist es da.

Nicht unberührt von der Geschichte, sondern von ihr geprägt.
Nicht in der Zeit eingefroren, sondern mittendrin.
Nicht außerhalb der Welt, sondern außerhalb der engen Art und Weise, wie die Welt so oft beschrieben wird.

Und so bieten diese Dörfer mehr als nur Schönheit. Sie bieten eine Korrektur.

Sie sagen uns, dass die Welt nicht nur aus dem besteht, was uns beunruhigt.
Es ist auch das, was Bestand hat.

Es ist die Hand, die die Wand repariert.
Der Kessel auf der Kohle.
Das Kind auf dem Dachweg.
Der alte Türrahmen, von Generationen glatt geschliffen.
Das gemeinsame Essen.
Der ruhige Abend.
Das Dorf, das noch immer zum Berg passt.
Das Feuer brannte wieder.

Fernab der Schlagzeilen, fernab der Stadt, fernab des modernen Hungers nach ständiger Störung gibt es noch immer einen Iran, in dem das Leben so weitergeht wie seit Hunderten von Generationen.

Und in diesen verborgenen Dörfern ist die Welt im tiefsten Sinne noch in Ordnung.

Über die Autorin

Jürgen T Steinmetz

Jürgen Thomas Steinmetz ist seit seiner Jugend in Deutschland (1977) kontinuierlich in der Reise- und Tourismusbranche tätig.
Er gründete eTurboNews 1999 als erster Online-Newsletter für die weltweite Reisetourismusbranche.

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