Um sieben Uhr morgens setzen sich die Rolltreppen in Bewegung. Tausende Delegierte strömen langsam in die Messehallen der ITB Berlin, einer der weltweit größten Veranstaltungen der Tourismusbranche. Fluggesellschaften, Hotelketten, Tourismusverbände, Kreuzfahrtunternehmen und Technologieanbieter verhandeln den ganzen Tag über die Gestaltung der globalen Reisewirtschaft.
Doch bevor das erste Treffen beginnt, geschieht noch etwas anderes. Alle suchen nach Kaffee.
Schnell bilden sich Schlangen an den Espressomaschinen und provisorischen Café-Theken. Die Teilnehmer klammern sich an ihre Terminkalender, suchen in ihren mobilen Apps nach ihrem nächsten Termin und nippen an dem Getränk, das die Reisebranche jeden Morgen am Laufen hält.
Kaffee ist nicht nur ein Genussmittel auf Reisemessen. Er ist der inoffizielle Treibstoff der Tourismuswirtschaft. Und er wird zunehmend teurer.
Der 12-Dollar-Kaffee-Moment
Letztes Jahr auf der IMEX America starrte ein Teilnehmer fassungslos auf die Speisekarte. Ein einfacher Americano kostete über zwölf Dollar. Kein aufwendiges Spezialgetränk. Kein großer Latte mit Sirup.
Einfach nur Espresso mit heißem Wasser verdünnt. Trotzdem war die Schlange lang.
Lange beschwerte sich niemand, denn alle brauchten dasselbe. Die IMEX America ist eine der weltweit größten Veranstaltungen für die Tagungs- und Incentive-Reisebranche. Tausende von Veranstaltungsplanern und Anbietern strömen jedes Jahr im Oktober in die Hallen des Kongresszentrums von Las Vegas.
Viele kommen nach Nachtflügen über mehrere Zeitzonen an. Koffein ist unverzichtbar. Es ist notwendig.
Messen komprimieren monatelanges Beziehungsmanagement auf wenige intensive Tage. Teilnehmer können zwischen Vormittag und Abend dreißig oder vierzig Meetings vereinbaren. Ohne Kaffee würde der gesamte Ablauf der Veranstaltung ins Stocken geraten.
In diesem Sinne repräsentiert der Zwölf-Dollar-Americano mehr als nur die Inflation. Er symbolisiert die verborgene Infrastruktur der Reisebranche.
Das wichtigste Getränk im Tourismus
Kaffee hat sich still und leise zu einem der wichtigsten Produkte des Tourismus entwickelt.
Hotels sind darauf angewiesen, um ihren Gästen jeden Morgen einen angenehmen Start zu ermöglichen. Flughäfen verkaufen Millionen von Bechern an Passagiere, die mit frühen Abflügen und verspäteten Flügen zu kämpfen haben. Museen, Galerien und kulturelle Attraktionen nutzen Cafébereiche, um Besucher zum längeren Verweilen anzuregen.
Messen sind vielleicht das deutlichste Beispiel. Man denke nur an eine große internationale Ausstellung wie die ITB Berlin.
Zehntausende Fachleute besuchen die Veranstaltung jedes Jahr. Wenn jeder Teilnehmer nur drei Tassen Kaffee pro Tag trinkt, werden im Kongresszentrum während der Messe weit über hunderttausend Tassen ausgeschenkt.
Multipliziert man das mit globalen Veranstaltungen – von der ITB Berlin bis zum World Travel Market London –, so wird Kaffee zu einem der meistkonsumierten Produkte in der Tourismusbranche.
Doch ihre Lieferkette reicht weit über die Hallen hinaus, in denen diese Tassen serviert werden.
Die Geographie einer Tasse
Der Kaffee, der in Berlin, London oder Las Vegas ausgeschenkt wird, beginnt sein Leben Tausende von Kilometern entfernt. Der Großteil des Kaffees wächst im äquatorialen „Bohnengürtel“, einem Landstreifen, der sich über Lateinamerika, Afrika und Teile Asiens erstreckt. Länder wie Brasilien, Kolumbien, Äthiopien und Vietnam dominieren die weltweite Produktion.
Von diesen Farmen aus beginnt für die Bohnen eine lange Reise: Farm → Exporteur → Versandcontainer → Importeur → Rösterei → Café. Jeder Schritt auf diesem Weg verursacht zusätzliche Kosten.
Klimaveränderungen haben die Ernten in mehreren Anbauregionen beeinträchtigt. Dürren, unregelmäßige Regenfälle und Pflanzenkrankheiten bedrohen zunehmend die Kaffeeerträge. Gleichzeitig ist es in einigen Anbaugebieten zu Arbeitskräftemangel gekommen, da jüngere Arbeitskräfte in die Städte abwandern.
Transportkosten und geopolitische Spannungen haben den Handel ebenfalls beeinflusst. Die Folge ist ein volatiler Weltmarkt, auf dem der Preis für Kaffeebohnen in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist.
Für Cafés, Hotels und Konferenzzentren schlägt sich diese Volatilität schließlich auch im Angebot nieder.
Kaffee und die Psychologie des Reisens
Warum spielt Kaffee im Tourismus eine so große Rolle? Ein Teil der Antwort liegt in der Psychologie. Reisen bringen den Alltag durcheinander. Flüge starten früher, Fahrpläne ändern sich, und Zeitzonen verschieben sich. Kaffee gibt uns ein Gefühl von Normalität zurück.
Ein Reisender, der in einer fremden Stadt landet, sucht oft zuerst ein Café. Das ist ein vertrautes Ritual an einem ungewohnten Ort.
Dasselbe gilt für Messen. Die Teilnehmer bewegen sich durch überfüllte Hallen, absolvieren Kurzvorträge und knüpfen ständig Kontakte. Kaffee bietet einen Moment der Ruhe – einen Ort zum Durchatmen, Notizen durchgehen und sich auf das nächste Gespräch vorbereiten.
Es schlägt auch eine soziale Brücke. Der Satz „Lass uns einen Kaffee trinken gehen“ ist eine der gängigsten Einladungen in der Reisebranche. Geschäfte im Wert von Millionen von Euro beginnen oft mit diesem einfachen Vorschlag.
Die Kaffeepausen-Ökonomie
Auf Messen spielen Kaffeepausen eine strategisch wichtige Rolle. Veranstalter planen sie sorgfältig, weil sie etwas Grundlegendes über menschliches Verhalten verstehen.
Mit einer Tasse in der Hand unterhalten sich die Menschen leichter. Während der Kaffeepause schlendern die Teilnehmer zwischen den Ständen umher, treffen auf Kollegen und begegnen zufällig potenziellen Geschäftspartnern.
Diese informellen Begegnungen führen oft zu Geschäftsmöglichkeiten, die in formellen Meetings unentdeckt bleiben. In diesem Sinne fungieren Kaffeestände als Mini-Netzwerkzentren, die über die gesamte Messefläche verteilt sind.
Sie sind die sozialen Motoren der Veranstaltung. Ohne sie würde die Show steif und geschäftsmäßig wirken. Mit ihnen entsteht eine dialogorientierte und kooperative Atmosphäre.
Die steigenden Kosten des Gastgewerbes
Der Americano für zwölf Dollar auf der IMEX America spiegelt auch den allgemeinen Druck auf den Gastgewerbesektor wider.
Hotels, Cafés und Konferenzzentren sehen sich in mehreren Bereichen mit steigenden Kosten konfrontiert:
- Energie
- Arbeit
- sauber
- Lieferketten
- Inthaltstoffe
Kaffeebohnen sind nur ein Teil des Ganzen. Espressomaschinen und Kaffeemühlen benötigen Strom. Qualifizierte Baristas verdienen in vielen Städten höhere Löhne. Die Transportkosten sind in den globalen Logistiknetzwerken gestiegen.
Bei Veranstaltungsorten, die große Kongresse ausrichten, summieren sich diese Kosten schnell.
Eine Tasse Kaffee, die in einem Kongresszentrum verkauft wird, muss nicht nur die Bohnen selbst umfassen, sondern das gesamte Umfeld – die Infrastruktur, das Personal und den Service, die es Tausenden von Delegierten ermöglichen, sich reibungslos durch den Veranstaltungsort zu bewegen.
Kaffee als Destinationsmarketing
Ein weiterer Grund für die sichtbare Rolle des Kaffees im Tourismus ist die kulturelle Identität. Viele Reiseziele vermarkten ihre Café-Kultur als Teil ihrer Tourismusmarke.
Italien ist bekannt für seine Espressobars, in denen die Einheimischen ihren Kaffee im Stehen an der Theke trinken. Wien rühmt sich seiner historischen Kaffeehäuser mit Zeitungen und Kronleuchtern. Skandinavische Städte haben weltweit bewunderte Spezialitätenkaffee-Szenen entwickelt, die Handwerkskunst und Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellen. Fachmessen präsentieren diese Traditionen.
Nationale Tourismusorganisationen servieren Besuchern oft Kaffee, um Gastfreundschaft und Kultur auszudrücken. Ein italienischer Aussteller bietet vielleicht einen perfekt zubereiteten Espresso an. Ein Pavillon aus dem Nahen Osten präsentiert möglicherweise aromatischen, mit Gewürzen verfeinerten Kaffee.
Durch Kaffee erzählen Reiseziele ihre Geschichte. Er ist eine der einfachsten und wirksamsten Formen der Kulturdiplomatie.





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