Letzte Woche auf der BIT Milano eTurboNews Verleger Jürgen Steinmetz traf sich mit Antonio López-Lázaro, CEO von Euroairlines. Euroairlines ist eine der größten Fluggesellschaften der Welt mit nur einem Flugzeug. Wie ist das möglich?
Nach einem Gespräch mit Antonio und einigen weiteren Recherchen scheint eine neue Welt der Manipulation – und Verwirrung – offenkundig zu existieren, die in der Lage ist, das zu beeinflussen, was normale Reisende und sogar erfahrene Reisebüromitarbeiter bei der Flugbuchung möglicherweise nie bemerken.
Was aus diesem Gespräch – und aus Branchenanalysen – hervorgeht, ist keine herkömmliche Erfolgsgeschichte einer Fluggesellschaft. Es ist ein Einblick in einen sich rasant entwickelnden und weitgehend unsichtbaren Bereich der Luftfahrt: ein System, in dem die Kontrolle über Tickets könnte wichtiger sein als die Kontrolle über Flugzeuge.
Und für Passagiere, Geschäftsreisemanager und sogar Airline-Allianzen könnten die Auswirkungen tiefgreifend sein.
Antonio López-Lázaro, CEO und Gründer von Euroairlines erklärt:

Euroairlines verbindet Fluggesellschaften und Reisebüros mit einer Welt voller Möglichkeiten. Unsere IATA-Lizenznummer Q4-291, verfügbar in über 30 BSP-Märkten und 60 Ländern, eröffnet den Zugang zu bisher unzugänglichen Märkten und Strecken, die in den üblichen GDS nicht verfügbar sind.
Für Fluggesellschaften und Reisebüros bedeutet dies Zugang zu vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten, die ihr Angebot bereichern und ihre globale Reichweite vergrößern. Unsere Plakette ist nicht nur ein Symbol, sondern ein Katalysator für Expansion.
Die Fluggesellschaft, die keine Flugzeuge zum Wachsen braucht
Seit über einem Jahrhundert expandieren Fluggesellschaften durch die Hinzunahme von Strecken, Flugzeugen und Allianzen. Euroairlines verkörpert etwas ganz anderes.
Anstatt ein traditionelles Netzwerk aufzubauen, agiert das Unternehmen in erster Linie als Vertriebsplattform — wodurch Flüge anderer Fluggesellschaften unter dem Airline-Code in globalen Buchungssystemen angezeigt werden können.
In der Welt der Reisebüros kann dadurch der Eindruck eines riesigen Airline-Netzwerks entstehen, obwohl die einzelnen Flüge von völlig unterschiedlichen Fluggesellschaften durchgeführt werden.
Für Branchenkenner wirft dies eine unangenehme Frage auf:
Handelt es sich hierbei um eine Innovation – oder um eine strukturelle Lücke, die das Erscheinungsbild von Flugliniennetzen in der Öffentlichkeit verändert?
Ein neues Machtzentrum: Wer die Tickets kontrolliert
Hinter jeder Flugbuchung verbirgt sich eine weitgehend unsichtbare technische Identität, die als die validierender Fluggesellschaft — die Fluggesellschaft, deren Ticketbestand zur Ausstellung der Reservierung verwendet wird.
Historisch gesehen oblag diese Rolle der Fluggesellschaft, die den Flug tatsächlich durchführte, oder einem engen Allianzpartner.
Distributionsorientierte Fluggesellschaften stellen diese Annahme in Frage.
Indem ein Plattformunternehmen als Validierungsgesellschaft für Dutzende von unabhängigen Fluggesellschaften fungiert, kann es sich plötzlich zu einem zentralen Knotenpunkt in globalen Buchungssystemen entwickeln – selbst wenn es nur über eine minimale Flotte verfügt.
Das Ergebnis ist ein Airline-Code, der überall auftaucht.
Passagiere bemerken den Unterschied selten. Viele Reisebüros hinterfragen ihn ebenfalls nicht – weil der Buchungsprozess vertraut aussieht.
Doch die wirtschaftliche Realität dahinter kann weitaus komplizierter sein.
Der Aufstieg des „Schattennetzwerks“.
Traditionelle Airline-Allianzen wie Star Alliance oder Oneworld haben ihre Macht durch sichtbare Zusammenarbeit aufgebaut: gemeinsames Branding, Treueprogramme, koordinierte Flugpläne.
Plattform-Airlines bauen etwas anderes – ein Schattennetzwerk Entstanden durch eine Ticketing-Infrastruktur und nicht durch operative Integration.
Flüge von Fluggesellschaften, die normalerweise niemals Codeshare-Flüge anbieten würden, können innerhalb derselben Vertriebsebene erscheinen.
Aus der Ferne betrachtet sieht es nach einem Bündnis aus.
Hinter den Kulissen handelt es sich um ein Flickwerk unabhängiger Fluggesellschaften, die lediglich durch ein gemeinsames Ticketingsystem miteinander verbunden sind.
Manche Analysten beschreiben dies als das Aufkommen eines Meta-Allianz — ein kommerzielles Ökosystem, das über traditionellen Allianzen steht.
Geschäftsreisen könnten der eigentliche Gewinn sein
Während Freizeitreisende den Wandel möglicherweise gar nicht bemerken, beobachten Geschäftsreisende die Lage sehr genau.
Unternehmensverträge basieren seit langem auf Allianzen, um globale Reichweite zu gewährleisten. Vertriebsplattformen bieten jedoch einen alternativen Weg: Zugang zu einer Vielzahl von Fluggesellschaften über ein einziges kommerzielles Portal.
Wenn sich dieses Modell durchsetzt, könnte es still und leise einen der größten Vorteile der Allianzen untergraben – die Kontrolle über den Vertrieb durch die Unternehmen.
Einkaufsmanager könnten individuelle Airline-Netzwerke zusammenstellen, ohne einem einzigen Allianz-Ökosystem beitreten zu müssen.
Diese Möglichkeit hat bei den etablierten Fluggesellschaften für Unruhe gesorgt, auch wenn nur wenige Führungskräfte öffentlich darüber sprechen.
Verwirrung gewollt – oder unvermeidbare Komplexität?
Kritiker argumentieren, dass das Modell die Gefahr birgt, ein Maß an Intransparenz zu erzeugen, das an Manipulation grenzt.
Ein Reisender könnte glauben, bei einer bestimmten Fluggesellschaft zu buchen, während er tatsächlich mit einer anderen fliegt.
Ein Reisebüro sieht möglicherweise einen einzigen Airline-Code, der mehrere voneinander unabhängige Fluggesellschaften repräsentiert.
Und wenn es zu Störungen kommt, stellen die Passagiere möglicherweise fest, dass die Verantwortung zwischen Unternehmen aufgeteilt ist, von denen jedes nur einen Teil der Reise kontrolliert.
Die Befürworter entgegnen, dass nichts davon neu sei – Codeshare-Abkommen hätten die Grenzen zwischen Fluggesellschaften schon lange verwischt – und dass Vertriebsplattformen lediglich bestehende Branchenpraktiken erweitern.
Der Unterschied, so die Skeptiker, liegt im Maßstab.
Wenn ein Airline-Code Dutzende von Fluggesellschaften zusammenfasst, beginnt die traditionelle Klarheit der Airline-Identität sich aufzulösen.
Wer trägt die Verantwortung, wenn etwas schiefgeht?
Die strittigsten Probleme treten bei unregelmäßigem Betrieb auf – Verspätungen, Stornierungen oder Streitigkeiten über Rückerstattungen.
Ein einzelnes Ticket kann Folgendes beinhalten:
- die Fluggesellschaft, die das Flugzeug fliegt,
- die Marketing-Fluggesellschaft, deren Code in den Buchungssystemen erscheint,
- und die ausstellende Fluggesellschaft, die für das Ticket selbst verantwortlich ist.
Jede Organisation hat unterschiedliche Zuständigkeiten, und diese Grenzen sind weder für die Passagiere noch für die Reisebüromitarbeiter an vorderster Front immer klar.
Branchenkenner warnen davor, dass mit zunehmender Anzahl an Vertriebsebenen die Verantwortlichkeit immer stärker fragmentiert wird.
Reisebüros: Mehr Angebot, mehr Risiko
Für Reisebüros stellen Vertriebsplattformen sowohl eine Chance als auch eine Herausforderung dar.
Sie erschließen Warenbestände, die sonst möglicherweise unzugänglich wären.
Aber sie bringen auch ungewohnte Regeln, komplexe Tarifstrukturen und die Möglichkeit kostspieliger Rücklastschriften mit sich, wenn die Bestimmungen der validierenden Fluggesellschaft falsch verstanden werden.



Hinterlasse einen Kommentar