Während Tausende von Reisenden aufgrund des Krieges im benachbarten Iran an Flughäfen am Golf festsitzen, spielt sich in den Reisemedien eine ähnliche Geschichte ab: eine Welle von Pressemitteilungen von Privatjet-Charterunternehmen, die sogenannte „Rettungsflüge“ bewerben.
Diese Geschichten zeichnen oft ein dramatisches Bild – verzweifelte Reisende, die dank heldenhafter Charterunternehmen, die dort einspringen, wo Fluggesellschaften versagen, der Gefahr entkommen. Die Realität verdient jedoch eine genauere Betrachtung.
Charterflüge mit Privatjets von der Golfregion nach Europa kosten derzeit zwischen 150,000 und 200,000 Euro pro Flugzeug, je nach Route, Flugzeuggröße und Kriegsrisikoversicherung mitunter auch mehr. Da die meisten Privatjets 8 bis 16 Passagiere befördern, entspricht dies etwa 10,000 bis 25,000 Euro pro Sitzplatz – weit jenseits der finanziellen Möglichkeiten des durchschnittlichen gestrandeten Reisenden.
Diese Flüge dienen hauptsächlich Firmenkunden, wohlhabenden Touristen und multinationalen Unternehmen, die Führungskräfte oder Mitarbeiter evakuieren. Für Zehntausende von normalen Passagieren, die an Flughäfen wie Dubai, Doha oder Abu Dhabi festsitzen, gibt es solche Möglichkeiten schlichtweg nicht.
Doch die Medienberichterstattung suggeriert oft, dass die private Luftfahrt gestrandete Reisende „rettet“.
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass viele dieser Geschichten aus PR-Kampagnen von Chartermaklern und privaten Luftfahrtunternehmen stammen. In Krisenzeiten beauftragen diese Firmen häufig professionelle PR-Agenturen mit der Verbreitung von Pressemitteilungen, in denen Evakuierungsmissionen, heldenhafte Einsätze und dramatische Passagiergeschichten hervorgehoben werden.
Diese Pressemitteilungen werden an Fachzeitschriften für die Reisebranche und Luftfahrt-Websites wie beispielsweise … gesendet. eTurboNewsIn vielen Fällen werden sie ohne nennenswerte zusätzliche Recherche veröffentlicht – manchmal erscheinen sie fast wortgetreu – wodurch Journalisten effektiv zu unbezahlten Verstärkern der Unternehmensbotschaften werden.
eTurboNews eTN erhält dutzende solcher Anfragen, weigert sich aber, seine Redaktion in eine kostenlose Werbeplattform zu verwandeln. „Der Versuch, unsere redaktionellen Ressourcen auszunutzen und von unseren Journalisten unbezahlte Werbeberichterstattung zu erwarten, ist inakzeptabel“, so Jürgen Steinmetz, Herausgeber von eTN. „Unsere Redaktion berichtet über Nachrichten, nicht über Marketingtexte. Unternehmen und Destinationen, die ihre Reichweite vergrößern möchten, können gerne legitime Werbung schalten oder gesponserte Inhalte anbieten.“
Publikationen wie Newsletter der Reisebranche und spezialisierte Luftfahrtmagazine stützen sich häufig stark auf Branchenquellen. Im Krisenfall steigt die Menge an eingehenden PR-Materialien sprunghaft an. Charterunternehmen wissen, dass dramatische Schlagzeilen über Evakuierungen und gestrandete Reisende schnell aufgegriffen werden.
Das Ergebnis ist eine subtile, aber wichtige Verschiebung: Die Berichterstattung über humanitäre Evakuierungsmaßnahmen kann in Wirklichkeit als indirekte Werbung für extrem teure kommerzielle Dienstleistungen fungieren.
Das alles bedeutet nicht, dass private Charterflüge in Krisenzeiten keine Rolle spielen. Sie stellen für manche Reisende, insbesondere für Unternehmen mit Verantwortung für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter, eine wertvolle Option dar. Der Umfang dieser Flüge ist jedoch im Vergleich zur Zahl der gestrandeten Passagiere verschwindend gering.

Während Charterunternehmen möglicherweise eine Handvoll oder sogar Dutzende von Flügen organisieren, bleiben Regierungen und kommerzielle Fluggesellschaften für den Transport der überwiegenden Mehrheit der Menschen verantwortlich, sobald der Luftraum wieder geöffnet ist.
Mit anderen Worten: Privatjets evakuieren nicht die Massen. Sie bieten eine exklusive Fluchtmöglichkeit für diejenigen, die es sich leisten können.
Journalisten, die über die Reisebranche berichten, sollten diesen Unterschied beachten. Die Berichterstattung über Krisen in der Luftfahrt ist wichtig, erfordert aber mehr als die bloße Wiedergabe von Pressemitteilungen der Unternehmen.
Es erfordert das Stellen einfacher Fragen:
Wer kann sich diese Flüge leisten?
Wie viele Passagiere wurden tatsächlich evakuiert?
Und wer profitiert am meisten von der erzählten Geschichte?
Ohne diese genaue Prüfung wird die Grenze zwischen Journalismus und Marketing gefährlich dünn – insbesondere in Krisenzeiten.




Hinterlasse einen Kommentar