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In einem kleinen Bergland – eine große Frage für den globalen Tourismus

Andorra
Geschrieben von Jürgen T Steinmetz

In Andorra stehen die führenden Köpfe der globalen Tourismusbranche vor einer entscheidenden Frage: Kann Nachhaltigkeit in einer Zeit von Krieg und Instabilität überleben? Während Konflikte das Reiseverhalten verändern, bietet dieses kleine Pyrenäenland ein Modell für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit – und wirft damit dringende Fragen auf, ob verantwortungsvoller Tourismus in der heutigen unsicheren Welt überhaupt möglich ist.

ANDORRA LA VELLA, Andorra Hoch oben in den Pyrenäen, wo sich enge Täler zu weitläufigen Skipisten öffnen und kurvenreiche Straßen die Grenzgebiete zwischen Spanien und Frankreich nachzeichnen, entfaltet sich eine stille, aber folgenreiche Diskussion über die Zukunft des globalen Tourismus.

Diese Woche traf die UN-Tourismusgeneralsekretärin Shaikah Al Nowais in Andorra ein, um sich im Vorfeld des 13. Weltkongresses für Schnee-, Berg- und Wellnesstourismus mit Xavier Espot Zamora, dem Premierminister von Andorra und seit 2019 Vorsitzenden der Demokraten für Andorra, zu treffen. Die abgelegene, malerische und sorgfältig gepflegte Umgebung bot den passenden Rahmen für eine drängende globale Frage: Wie lässt sich der Tourismus nicht nur ausbauen, sondern auch nachhaltig gestalten?

Während ihres Besuchs unterzeichnete Frau Al Nowais das Goldene Buch des Fürstentums, eine zeremonielle Geste, die diplomatischen Respekt signalisiert. Die anschließenden Gespräche, an denen auch Jordi Torres Falcó teilnahm, hatten jedoch einen deutlich dringlicheren Charakter.

Der Tourismus, der lange Zeit an Ankünften und Einnahmen gemessen wurde, ist gezwungen, den Erfolg neu zu definieren.


Eine Welt, die sich verändert hat

Jahrzehntelang galt der Tourismus als eine der sichtbarsten Erfolgsgeschichten der Globalisierung. Billigfluggesellschaften, offene Grenzen und eine wachsende Mittelschicht trugen dazu bei, dass Reisen zu einem prägenden Merkmal des modernen Lebens wurde. Städte ächzten unter der Last der Popularität; abgelegene Regionen trieben den Infrastrukturausbau voran; Regierungen zählten Besucherzahlen als Maßstab für Fortschritt.

Dieses Modell steht nun unter enormem Druck.

Der Krieg in der Ukraine hat die Reiserouten in ganz Europa verändert, den Luftraum beeinträchtigt und die Nachfrage auf ehemals stark frequentierten Strecken gedämpft. Gleichzeitig haben die eskalierenden Spannungen mit dem Iran Unsicherheit auf den globalen Luftfahrt- und Energiemärkten ausgelöst, die Kosten in die Höhe getrieben und Langstreckenreisen erschwert.

Sicherheitsbedenken, Inflation und ein schwindendes Vertrauen der Reisenden haben dazu geführt, dass die Branche nicht mehr vorhersehbar ist.

In diesem Kontext kann die in Andorra verwendete Sprache – Ausgewogenheit, Nachhaltigkeit, langfristiges Denken – sowohl erstrebenswert klingen als auch für manche nicht mit der unmittelbaren Realität vereinbar sein.


Erfolg neu definiert

„Beim Erfolg des Tourismus geht es nicht mehr nur um Zahlen“, betonten die Verantwortlichen während der Treffen.

Diese Aussage spiegelt das wachsende Unbehagen gegenüber den Exzessen der Vergangenheit wider. Von überfüllten europäischen Hauptstädten bis hin zu fragilen, überlasteten Ökosystemen – die Folgen ungebremsten Wachstums lassen sich kaum noch ignorieren.

Die vorgeschlagene Alternative ist trügerisch einfach:

  • Ausgewogenheit zwischen Besuchern und Einwohnern
  • Verteilung des Tourismus über die Jahreszeiten
  • Wachstum, das nicht genau jene Attraktionen zerstört, die Besucher anziehen.

Doch Einfachheit verschleiert die Schwierigkeit. Um ein Gleichgewicht zu erreichen, braucht es Grenzen, und Grenzen haben oft ihren Preis.

Für Regierungen, die sich noch immer von den Verlusten der Pandemiezeit erholen und nun mit geopolitischer Instabilität konfrontiert sind, bleibt die Versuchung groß, kurzfristigen Gewinnen Priorität einzuräumen.


Ein Berglabor

Bild

Wenn es einen Ort gibt, an dem man diese Ideen testen kann, dann ist es vielleicht Andorra.

Mit weniger als 80,000 Einwohnern und einer von Bergen geprägten Landschaft ist das Land seit Langem wirtschaftlich stark vom Tourismus abhängig. Jedes Jahr empfängt es Millionen von Besuchern – angelockt von Skigebieten, zollfreiem Einkaufen und zunehmend auch vom Wellnesstourismus.

Seine Größe bietet jedoch ein Maß an Kontrolle, das größeren Reisezielen fehlt.

„Wir können uns kein Ungleichgewicht leisten“, sagte ein andorranischer Beamter in den Diskussionen um den Kongress. „Für uns ist Nachhaltigkeit kein Slogan. Es geht ums Überleben.“

Der Klimawandel hat diese Entwicklung beschleunigt. Wärmere Winter gefährden die Schneesicherheit, das Rückgrat des Tourismus in Andorra. Um die Abhängigkeit von einer einzigen Jahreszeit zu verringern, hat das Land in Diversifizierung investiert und fördert nun Sommerwanderungen, Radtouren und Wellnessangebote.


Das Paradoxon der Nachhaltigkeit

Dennoch passt die in Andorra formulierte Vision nur schwer zu den globalen Trends.

Nachhaltigkeit hängt von langfristiger Planung, stabilen Investitionen und einer planbaren Nachfrage ab. Krieg hingegen führt zu Volatilität – er verändert Reisemuster über Nacht, lenkt Ströme um und zwingt Regierungen zu reaktiven Maßnahmen.

Das Ergebnis ist ein Paradoxon:

Je instabiler die Welt wird, desto schwieriger wird es, nachhaltigen Tourismus zu betreiben – und doch wird es umso notwendiger.

In unsicheren Zeiten konzentrieren sich Reiseziele oft auf das Unmittelbare und Messbare: Besucherzahlen, Hotelauslastung, Umsatz. Nachhaltigkeit mit ihrem langfristigen Ansatz droht in den Hintergrund zu geraten.


Ein Wandel in der Denkweise

Das Besondere an der Gegenwart sind nicht nur die Herausforderungen, vor denen der Tourismus steht, sondern auch die wachsende Erkenntnis, dass das alte Modell möglicherweise nicht mehr tragfähig ist.

Schon vor den jüngsten Konflikten deuteten Proteste gegen den Massentourismus in Städten wie Barcelona und Venedig auf einen Wandel der öffentlichen Meinung hin. Die Einwohner stellten zunehmend in Frage, ob der wirtschaftliche Nutzen des Tourismus die sozialen und ökologischen Kosten rechtfertige.

Angesichts der zunehmenden geopolitischen Spannungen ist die Notwendigkeit eines widerstandsfähigeren Modells nun kaum noch zu ignorieren.

In Andorra entwickelt sich dieses Modell um ein anderes Prioritätenfeld herum:

  • Weniger Besucher, aber höherer Wert
  • Erlebnisse, die eng mit Natur und Kultur verbunden sind.
  • Infrastruktur, die auf Nachhaltigkeit und nicht auf Skalierbarkeit ausgelegt ist.

Es ist in vielerlei Hinsicht eine Rückkehr zu den Grundlagen – ein Versuch, den Tourismus mit den Gegebenheiten des jeweiligen Ortes in Einklang zu bringen.


Ist es skalierbar?

Die Frage ist, ob das, was in einem kleinen Bergfürstentum funktioniert, auch breiter angewendet werden kann.

Andorras Vorteile – seine Größe, seine geografische Lage, seine Fähigkeit, den Zugang zu kontrollieren – lassen sich nicht ohne Weiteres kopieren. Große, vom Massentourismus abhängige Städte stehen vor einem komplexeren Wandel.

Hinzu kommt das Problem des Wettbewerbs. Auf einem globalen Markt riskieren Reiseziele, die Beschränkungen einführen, Besucher an solche zu verlieren, die dies nicht tun.

Doch die Alternative – das Weitergehen auf einem nicht nachhaltigen Weg – birgt ihre eigenen Risiken.


Ein Moment der Abrechnung

Im Vorfeld des Weltkongresses für Schnee-, Berg- und Wellnesstourismus spiegeln die Diskussionen in Andorra eine breitere Auseinandersetzung innerhalb der Branche wider.

Der Tourismus ist nicht länger von globalen Ereignissen isoliert. Er wird von ihnen geprägt – manchmal abrupt, oft unvorhersehbar.

Das Treffen zwischen Frau Al Nowais und den andorranischen Führern brachte keine einfachen Antworten. Es verdeutlichte aber die zentrale Spannung der aktuellen Situation:

Wie lässt sich Nachhaltigkeit in einer alles andere als stabilen Welt verwirklichen?

Über die Autorin

Jürgen T Steinmetz

Jürgen Thomas Steinmetz ist seit seiner Jugend in Deutschland (1977) kontinuierlich in der Reise- und Tourismusbranche tätig.
Er gründete eTurboNews 1999 als erster Online-Newsletter für die weltweite Reisetourismusbranche.

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2 Kommentare

  • Gut gesagt, Herr Steinmetz. Der andorranische Ansatz ist möglicherweise nicht skalierbar oder immer auf andere Reiseziele übertragbar, seine zugrunde liegenden Werte jedoch schon. Aber wie? Die letzte große internationale Maßnahme zur Steigerung des wahrgenommenen Wertes des Kultur- und Naturerbes war das Welterbeübereinkommen. Es beschränkte sich auf geschützte Stätten und wurde somit zu einem Anreiz für deren Schutz. Vielleicht ist es nun an der Zeit für ein neues internationales Instrument, das den Respekt vor der Integrität von Orten als Ganzes stärkt und die Bewahrung endemischer geographischer Besonderheiten anerkennt. Und dazu passende Tourismuspolitiken.

  • Vielleicht ist die Prämisse falsch – denn was für Andorra funktionieren mag, lässt sich global übertragen? Fakt ist: Wir alle wissen seit Langem, dass es keine Universallösung gibt. Manche Elemente mögen als Anhaltspunkte für andere Regionen dienen – doch auch diese Regionen müssen sich mit ihren eigenen Gegebenheiten auseinandersetzen. Es gibt keine einfachen Antworten, nur Offenheit und harte Arbeit.
    Und fangen wir JETZT mit unseren Kindern und Enkelkindern an.

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